von Ingo Froböse
Im Winter wird unser Bewegungsradius kleiner. Wir sitzen mehr, gehen vorsichtiger, ziehen die Schultern hoch gegen die Kälte und sparen unbewusst Wege, die im Sommerselbstverständlich waren. Viele Menschen beschreiben in dieser Zeit ein ähnlichesKörpergefühl: steifer Nacken, schwerere Beine, ein Rücken, der sich morgens nur widerwillig meldet. Oft wird das als altersbedingt oder unvermeidlich abgetan. Tatsächlich aber reagiert hier ein hochsensibles System auf veränderte Bedingungen.
Dehnen ist in diesem Zusammenhang weit mehr als eine Frage der Beweglichkeit. Es ist ein Dialog mit dem Nervensystem.
Unsere Muskulatur ist nicht nur Kraft- oder Bewegungsorgan, sondern ein fein abgestimmtesWahrnehmungsinstrument. In ihr sitzen spezialisierte Sensoren – die Muskelspindeln –, die permanent messen, wie lang ein Muskel ist und wie schnell er gedehnt wird. Sie melden jede Veränderung in Echtzeit an das zentrale Nervensystem. Wird ein Muskel plötzlich oder ungewohnt gedehnt, reagieren sie reflexartig mit einer Schutzspannung. Dieser sogenannte Muskelspindelreflex bewahrt uns vor Überdehnung – macht uns im Alltag aber auch steif und vorsichtig.
Gerade im Winter ist dieses Schutzsystem besonders aktiv. Kälte, weniger Bewegung, längere Sitzphasen und ein insgesamt reduziertes Bewegungstempo führen dazu, dass Muskeln seltener in ihre volle Länge gebracht werden. Die Muskelspindeln „lernen“:Dehnung ist ungewöhnlich, potenziell riskant. Die Toleranz gegenüber Längenveränderungen sinkt. Die Folge ist nicht nur ein subjektives Steifheitsgefühl, sondern auch eine schnellere, stärkere Reflexantwort bei ungeplanten Bewegungen – etwa beim Ausrutschen, Stolpern oder hastigen Drehen.
Regelmäßiges, ruhiges Dehnen setzt genau hier an. Es verändert nicht die Anzahl der Muskelspindeln – diese ist genetisch festgelegt –, wohl aber ihre Sensibilität. Durchwiederholte, kontrollierte Dehnreize lernt das Nervensystem, dass Länge kein Alarmzustandist. Die Muskelspindeln reagieren gelassener, die Reflexantwort wird abgeschwächt, dieBeweglichkeit nimmt zu. Nicht, weil der Muskel „länger gezogen“ wird, sondern weil dasGehirn Sicherheit signalisiert bekommt.
Das erklärt, warum Dehnen mit der Zeit nicht nur beweglicher, sondern auch koordinierter macht. Bewegungen fühlen sich runder an, Übergänge weicher, das Gleichgewicht stabiler. Genau deshalb sind scheinbar extreme Bewegungen wie im Turnen oder Eiskunstlauf überhaupt möglich: nicht durch Gewalt gegen den Körper, sondern durch eine außergewöhnlich hohe Dehntoleranz und eine fein abgestimmte neuromuskuläre Kontrolle.
Wichtig ist dabei der Kontext. Dehnen entfaltet seine Wirkung nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit anderen Trainingsformen. Krafttraining verbessert die Spannungsregulation der Muskulatur und schult die Muskelspindeln darin, Veränderungen differenzierter wahrzunehmen. Koordinative Übungen und Gleichgewichtstraining verfeinern die Rückmeldung über Körperposition und Bewegung. Reaktive Belastungen – etwa schnelle Richtungswechsel – trainieren die Fähigkeit, auf Dehnung zügig und kontrolliert zu antworten. All diese Facetten greifen ineinander.
Im Winter jedoch kommt dem Dehnen eine besondere Rolle zu. Es wirkt wie ein Gegenpol zur jahreszeitlichen Schutzspannung. Nicht fordernd, nicht explosiv, sondern beruhigend. Wer sich regelmäßig Zeit nimmt, Muskeln langsam in die Länge zu führen, gibt dem Nervensystem Gelegenheit, Vertrauen zurückzugewinnen. Der Körper darf loslassen, ohne die Kontrolle zu verlieren.
Dabei geht es nicht um maximale Dehnpositionen oder sportliche Ambitionen. Entscheidend ist die Qualität: langsam, gleichmäßig, ohne ruckartige Bewegungen. Der Atem wird zum Taktgeber, die Wahrnehmung zum Maßstab. Dehnen wird so zu einer Form der Selbstregulation – leise, aber wirkungsvoll.
Viele unterschätzen diesen Effekt. Dabei liegt gerade hier ein Schlüssel für langfristige Beweglichkeit, Sicherheit und Wohlbefinden. Nicht als Trainingseinheit, sondern als Haltung gegenüber dem eigenen Körper: zuhören statt übergehen, reagieren statt funktionieren.
Genau diese Perspektive steht im Zentrum des Buches Die Stimmen unseres Körpers – Wie wir seine Signale besser verstehen und unsere Gesundheit schützen. Es geht darum, körperliche Rückmeldungen nicht als Störung, sondern als Information zu begreifen – und daraus kluge, alltagstaugliche Entscheidungen für die eigene Gesundheit abzuleiten.