"Essen und Trimmen - beides muss stimmen!"
"Essen und Trimmen - beides muss stimmen!"
NÜRNBERG - Donnerstagabend, Tennisclubheim, Altenfurt: Die fünfte deutsch-italienische Jugend-Handball-Begegnung der A- und B-Junioren des TSV Altenfurt, des HC Erlangen und TSV Stein, der HG Zirndorf sowie des ASD Pallamano Cologne nähert sich ihrem Höhepunkt. Fränkisch kulinarisch betrachtet zumindest. Standesgemäß mit Schäufele, Kloß mit Soße und Blaukraut lassen rund 80 Spieler, Betreuer und Angehörige die ereignisreiche Woche ausklingen. Bier darf dabei nicht fehlen, oder etwa doch?
Feiern, sich amüsieren, Sport treiben ohne Alkohol, geht das überhaupt? Durchaus, findet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und rief mit dem Deutschen Olympischen Sportbund das Projekt „Alkoholfrei Sport genießen“ ins Leben. Ein Angebot an alle Sportvereine. Die Handballabteilung des TSV Altenfurt griff zu und knüpfte an ihre Aktionstage 2009 an. Nötig ist das allemal. Denn noch immer ist das Thema von bedrückender Aktualität, und zwar nicht nur in seinen Extremformen Kampftrinken oder Komasaufen. Als Volkskrankheit Nummer eins in Deutschland ist Alkohol gefährlicher als Heroin oder Crack. Die Zahlen sind alarmierend: 9,5 Millionen Menschen konsumieren Alkohol. 1,3 Millionen sind davon abhängig. 74000 sterben jedes Jahr daran.
Auch der Sport als Teil der Gesellschaft ist davon betroffen. Michael Voss, Bildungsreferent des BLSV, bringt es auf den wunden Punkt: „Wir sind keine Insel der Glückseligen“. Nein, der Sport ist kein alkoholfreier Raum, am wenigsten in Bayern, wo Bier quasi zu den Grundnahrungsmitteln zählt und fast die Hälfte aller Vereinsfußballer nach dem Training dem Gerstensaft frönt. Als Belohnung nach Siegen, als Trostspender nach Niederlagen oder als Ausgleich für die Anstrengung. Auch wenn Letzteres kontraproduktiv ist. Alkohol verlangsamt nämlich die Regeneration des Körpers. Das haben Sportmediziner auf dem 40. Deutschen Sportärztekongress herausgefunden. „Durch Alkohol trinkt man den Trainingseffekt weg", erklärt Professor Ingo Froböse, Sportwissenschaftler der Sporthochschule Köln.
Beim internationalen Jugendturnier ging es richtig zur Sache, hier in der Partie zwischen dem HC Erlangen und Pallamano Lombardia.
Doch Alkohol verbieten? Leslie King vom Europäischen Beobachtungszentrum für Drogen winkt ab: „Das geht nicht, dafür ist er zu sehr in unserer Kultur verwurzelt.“ Der Volksmund ist voller positiver Assoziationen: „Bier trinken ist besser als Quark reden! Legt euer Geld in Alkohol an, wo sonst gibt es 40 Prozent! Lieber Korn im Blut als Stroh im Kopf!“ Alkohol hat gewiss kein Imageproblem. Im Gegenteil. Wer will schon als moralinsauer gelten? Dennoch oder gerade deshalb: Unproblematisch ist die Verbindung von Sport und Alkohol keineswegs, auch nicht frei von Doppelmoral. Dass ausgerechnet Brauereien Eishockey und Wintersport, ja sogar Fußball sowie das Fernsehflaggschiff „Sportschau“ bewerben, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Es ist offensichtlich: „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“, möchte man mit Campino, dem Sänger der Toten Hosen, anmerken.
Beim internationalen Jugendturnier ging es richtig zur Sache, hier in der Partie zwischen dem TSV Stein und Gastgeber TSV Altenfurt.
Statt völliger Abstinenz geht es also um einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol. Das weiß auch Gerhard Schulz, Vorsitzender des TSV Altenfurt: „Wir sind keine Heiligen, auch wir feiern Feste.“ Aber kleine Schritte sind möglich: zum Beispiel auf Werbepartner aus der Alkoholbranche zu verzichten. Oder in der Halle keinen Alkohol auszuschenken. „Das akzeptieren die meisten Vereine“, versichert Wolfgang Wirth, Trainer der ersten Herren. Alkoholfrei lassen sich sogar neue Freundschaften knüpfen: Wie vor drei Jahren, als die A-Jugend bei einem Handball-Camp am Gardasee den ASD Pallamano Cologne kennen lernte und seither einen intensiven Austausch pflegt. Dreimal waren die Altenfurter schon in der Provinz Brescia, vergangene Woche statteten die Italiener dem TSV ihren zweiten Gegenbesuch ab. Auf dem Programm standen ein Bummel durch Bamberg, eine Visite beim Zweitligisten HC Erlangen sowie das Turnier. Dabei erwies sich Altenfurt als guter Gastgeber, ließ den anderen Teams den Vortritt. Den Sieg sicherte sich der siebenfache Jugendmeister aus Bella Italia. Selbstverständlich ohne Alkohol, was bei den Jugendlichen durchaus ankam. Alberto Barucco (16), Colognes Torjäger, meinte trocken: „Das ist gut.“ Ähnlich sieht das Markus Bimüller. Der 17-jährige TSV-Rückraumspieler, Schiedsrichter, Jugendbetreuer und -sprecher in Personalunion gönnt sich „ab und zu ein Bierchen“. Auch Schulz gibt zu, „gerne mal einen Schoppen Wein zu trinken“. Aber nur zu besonderen Gelegenheiten.