"Essen und Trimmen - beides muss stimmen!"
"Essen und Trimmen - beides muss stimmen!"
Würde man jemanden auf der Straße fragen, ob Sport gut für das Immunsystem ist, so würde diese Person mit aller Wahrscheinlichkeit die Frage bejahen. Aber hat Sport tatsächlich einen positiven Einfluss auf das Immunsystem oder ist das nur ein Gerücht, dass sich hartnäckig hält.
Da der Mensch ständig Krankheitserregern, wie z.B. Bakterien, Viren und Pilzen, in seiner Umgebung ausgesetzt ist, hat der Körper im Laufe der Entwicklung ein System entwickelt, um den möglicherweise Krankheiten verursachenden Erregern etwas entgegen zu setzen. Das menschliche Immunsystem besteht aus verschiedenen Organen, Gewebe und zirkulierenden Zellen und bildet somit eine bestehende Funktionseinheit, die zur Abwehr von fremden Organismen und damit auch zur Aufrechterhaltung der Gesundheit des Menschen dient. Es ist ein dynamisches und sensibles Regelsystem, dass sich ständig an Reize von innen und außen anpasst, um so eine vollständige körperliche Gesundheit zu gewährleisten. Man unterscheidet das angeborene von dem so genannten adaptiven Immunsystem. Das angeborene Immunsystem bekämpft Infektionserreger ohne vorher Antikörper gebildet haben zu müssen. Das adaptive Immunsystem hingegen besteht aus anpassungsfähigen Organismen und ist in der Lage sich Abwehrmechanismen zu merken und Antikörper zu bilden. Dazu muss es vorher, z.B. durch eine Impfung, schon in Kontakt mit den Erregern gekommen sein.
Wenn Krankheiten versursachende Erreger in den menschlichen Körper eindringen, werden sie vom angeborenen oder adaptiven Immunsystem als Fremdkörper erkannt und anschließend von den entsprechenden Zellen, z.B. weißen Blutkörperchen, unschädlich gemacht. Falls keines der Teilsysteme den Erreger als solchen identifizieren kann, z.B. aufgrund einer fehlenden Impfung, oder das gesamte System geschwächt ist, kann der Erreger ungehindert seine krankmachende Wirkung entfalten. Die kennzeichnende Größe für die Aktivität des Immunsystems ist u.a. die Konzentration von weißen Blutkörperchen und deren Untergruppen von Blutkörperchen, natürlichen Killerzellen (NK-Zellen), etc. im Blut. Da die Konzentration ständigen Schwankungen unterliegt, spricht man erst beim Über- bzw. Unterschreiten von Schwellenwerten von einer gesteigerten Aktivität der körpereigenen Abwehr, durch welche man beispielsweise auf Erkrankungen / Verletzungen bzw. einem geschwächten Immunsystem schließen kann. Dieses bietet dann weniger Schutz und der Körper ist anfälliger für Krankheiten.
Es gibt viele unterschiedliche Faktoren, die einen positiven oder negativen Einfluss auf das Immunsystem nehmen. Nun stellt sich die Frage, ob sich Sport akut auf das Immunsystem auswirkt. Haben auch unterschiedliche Intensitäten einen Einfluss und verändert Sport das Immunsystem dauerhaft? Mehreren Studien, die den akuten Einfluss von Sport auf das Immunsystem untersucht haben, kamen zu dem Schluss, dass sportliche Belastung, egal in welcher Intensität, zu einem deutlichen Anstieg der weißen Blutkörperchen und deren Untergruppen von Blutkörperchen im Blut führt. Das bedeutet, dass es während der Belastung zu einer Veränderung des Immunsystems und zwar einer erhöhten Aktivität kommt. Somit kann man davon ausgehen, dass Sport einen akuten Einfluss hat. Diese Aussage bringt aber keine Klarheit darüber, ob es durch Sport zu einer Stärkung oder Schwächung des Immunsystems kommt. Um dies beantworten zu können, muss man sich die Intensität der sportlichen Belastung ansehen. Dieser Frage ist eine Studie nachgegangen, die die Auswirkungen von unterschiedlichen sportlichen Belastungsintensitäten untersucht hat. Zehn Probanden liefen 45 Minuten auf einem Laufband. Man nahm ihnen vor der Belastung, nach der Belastung und nach 1-, 2- und 3,5-stündiger Erholung Blut ab, um verschiedenste Blutwerte zu bestimmen. Dies wurde bei einer moderaten Belastung und einer intensiven Belastung durchgeführt.
Die Forschergruppe stellte fest, dass direkt nach der intensiven Belastung zu einem starken Anstieg der Konzentration der weißen Blutkörperchen kam, während die moderate Belastung nur zu einem leichten Anstieg führte. Das heißt, dass sich nach der Belastung eine Stärkung des Immunsystems einstellte, die bei der intensiven Belastung deutlich höher war als beim moderaten Training. Nach einer Stunde Erholung fiel die Anzahl der weißen Blutkörperchen dann jedoch stark ab und die Konzentration im Blut war geringer als vor der Belastung. Die daraus resultierende Wirkung, die die immunologische Reaktion unterdrückt, fiel bei dem intensiven Training deutlich ausgeprägter aus. Im weiteren Verlauf der Erholungsphase normalisierten sich die Werte wieder. Anhand der Kurvenverläufe war zu erkennen, dass intensive sportliche Belastung zwar kurzfristig zu einer gesteigerten Immunabwehr führte, aber kurz danach sehr stark abfiel und mehrere Stunden zur Erholung benötigte. Daraus lässt sich schließen, dass in dem Zeitraum, in dem die Konzentration der weißen Blutkörperchen unter den Ausgangswert fällt, der Körper anfällig für Infekte, insbesondere für einen Infekt der oberen Atemwege, zu sein scheint. Dieser Zeitraum wird auch als "open window" bezeichnet. Das moderate Training hat hingegen nur eine leicht gesteigerte Immunabwehr zur Folge, dafür ist der anschließende Abfall jedoch nicht so stark ausgeprägt und das System kann die Belastung schneller kompensieren. Das Zeitfenster, in denen es zu Infektionen kommen kann, ist somit kürzer "geöffnet".
Eine andere Studie bestätigt die Theorie, dass eine gesteigerte Belastung mit einem gesteigerten Infektrisiko einhergeht. Sie untersuchten den Zusammenhang zwischen hochintensiven Belastungen (bei Ultramarathonläufern) und deren Auswirkung auf die Erkrankung der oberen Atemwege. Die Läufer und die Kontrollgruppe, die gleich alt waren und in einem Haushalt lebten, wurden 2 Wochen lang nach dem Marathon auf Infekte untersucht. Es stellte sich heraus, dass die Läufer, die die Strecke in unter 4 Stunden bewältigten, doppelt so häufig einen Infekt der oberen Atemwege erlitten als die Läufer, die 5,5 - 6 Stunden benötigten. Die Kontrollgruppe erkrankte am seltensten. Aufgrund dieser und anderer Erkenntnisse geht man davon aus, dass mit moderatem Training eine gesteigerte Immunabwehr einhergeht, während es nach intensivem Training zu einem höheren Infektrisiko gegenüber der Inaktivität kommt. Es wäre zu vermuten, dass Sportler, die häufig intensiven Belastungen ausgesetzt sind auch eine chronische Unterdrückung der immunologischen Reaktion zeigen.
In einer weiteren Studie wurden 5 Radfahrer untersucht, die ein intensives Trainingsprogramm absolvierten. Es zeigte sich, dass trotz der intensiven und andauernden Belastung für das Immunsystem, bei den Probanden keine erhöhte Unterdrückung der immunologischen Reaktion vorlag. Stattdessen kam es zu einer Anpassung, also einer gesteigerten Immunabwehr des angeborenen Immunsystems an die erhöhte Anforderung.
Es lassen sich, wie so häufig, auch in diesem Themenbereich viele verschiedene Meinungen finden. Aufgrund der unterschiedlichen Belastungsarten, -intensitäten und -umfänge der einzelnen Studien ist die Vergleichbarkeit schwierig. Im Allgemeinen lässt sich jedoch festhalten, dass auch beim Sport in Bezug auf das Immunsystem gilt: "Die Dosis macht das Gift" (Paracelsus).
Herzliche Grüße
Ihr Ingo Froboese