"Essen und Trimmen - beides muss stimmen!"
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Interview: Kuriose Krankheiten in der medizinischen Fachliteratur
"Die Wiiitis ist keine anerkannte Krankheit"
"Chef, ich muss mir leider einen Krankenschein nehmen, denn ich leide an einer akuten Wiiitis." Komme ich mit diesem Satz durch? Über diese und weitere Fragen sprachen wir mit Universitäts-Professor Ingo Froböse.
Köln. "Wer sich keine Zeit für Bewegung nimmt, wird sich irgendwann ganz viel Zeit für seine Krankheiten nehmen müssen", ist sich Ingo Froböse sicher - das gilt besonders für den gemeinen Videospieler, der nicht selten mit dem Begriff der Couch-Kartoffel in Verbindung gebracht wird. Dabei leben gerade Videospieler äußerst gefährlich: Wiiitis, Nintendo-Nacken oder PlayStation-Purpura - in der Vergangheit wurden zahlreiche so genannter Konsolen-Krankheiten bei Spielern diagnostiziert. Mit uns sprach der Universitätsprofessor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Derutschen Sporthochschule in Köln darüber, was sich hinter den obskuren Bezeichnungen verbirgt und welche Krankheiten durch neuartige Bewegungssteuerungen auf die Nutzer zukommen werden.
Medien Monitor: "Chef, ich komme heute nicht, ich leide an akuter Wiiitis". Komme ich mit dem Satz durch?
Ingo Froböse: Nein, natürlich nicht. Denn bei der Wiiitis handelt es sich um keine anerkannte Krankheit.
Aber im "New England Journal of Medicine" schreibt Dr. Julio Bonis Sanz offiziell von dieser Krankheit.
Das stimmt, bei dem Thema Konsolen-Krankheiten handelt es sich allerdings immer um Einzelfallstudien, bei dessen Veröffentlichungen keine empirischen Grundlagen verlangt werden. Meistens kennt ein Arzt jemanden, an dem er etwas Bestimmtes beobachtet hat und beschreibt es anschließend. Das Problem ist, dass diese Konsolen-Krankheiten in der Regel schon unter einem anderen Namen existieren, bevor sie beschrieben werden. Nehmen sie die Wiiitis. Das ist nichts anderes, als eine Epicondylitis, besser bekannt als Tennisellenbogen. Da könnte man genau so gut sagen, jemand der zu lange mit einem Hammer gearbeitet hat, hat die Hammeritis.
Was sind denn die häufigsten Fehler beim Spielen, die für die Konsolen-Krankheiten verantwortlich sind?
Das größte Problem ist der Zeitfaktor. Gerade bei konventionellen Steuerungsmöglichkeiten verharren die Spieler oft für einen langen Zeitraum in einer Position und blenden dabei auftretende Probleme aus. Bei den neuen Bewegungssteuerungen kommt hinzu, dass die Bewegungen, die das Spiel von mir verlangt, per se unnatürlich und abgehackt sind. Einen Golfschläger muss man beispielsweise weit ausschwingen lassen und nicht abrupt im Raum enden lassen. Das ist für die Muskeln ein unnatürlicher und somit belastender Bewegungsablauf.
Was kann ich machen, um Konsolen-Krankheiten zu vermeiden?
Als Spieler sollte ich regelmäßig Pausen einlegen. Auch sollte ich körperlich anstrengende Spiele nie unaufgewärmt angehen. Vielmehr sehe ich aber die Hersteller in der Pflicht. Sie sollten die Spieler für die auf sie zukommende Belastung sensibilisieren und darauf achten, dass sie die Spieler gerade im Bereich von Microsofts Kinect oder Sonys Move ausführlich an die Bewegungsabläufe heranführen. Bevor ich beispielsweise am 100-Meter-Lauf teilnehmen darf, sollte ich ein ausführliches Training absolviert haben, das mir die Anforderungen, die auf meinen Körper zukommen, näher gebracht hat.
Sie haben eben schon Microsofts Kinect angesprochen. Wird es durch neue Eingabemöglichkeiten in Zukunft auch zu neuen Konsolen-Krankheiten kommen?
Das denke ich schon. Dadurch, dass die Aktivitäten vor der Konsole immer großräumiger werden, wird es gerade durch Microsofts Kinect zu neuen Krankheitsbildern kommen, die die unteren Extremitäten betreffen. Neben chronischen Krankheiten wird es auch zu akuten Verletzungen kommen. Beim Weitsprung können die Spieler beispielsweise sehr leicht umknicken, wenn sie nicht richtig "landen". Ich bin mir sicher, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis wir vom ersten Spieler mit Muskelfaserriss hören werden.
Bieten Sportspiele und diverse Fitnessprogramme eine adäquate Alternative zu konventionellem Sport?
Nein. Ich finde es zwar gut, dass Menschen, die sonst keinen Bezug zur Bewegung haben, mit Hilfe der Konsolen ins Schwitzen kommen, aber der Sport beinhaltet völlig andere Dimensionen. Wenn ich an Sport denke, denke ich an frische Luft und Sonnenstrahlen, das kann mir ein Videospiel nicht bieten. Die Konsolen sollten sich aber meiner Meinung nach gar nicht als Alternative verstehen, sondern als Ergänzung. Ich würde mir wünschen, dass die Konsolen mit den entsprechenden Spielen flächendeckend an öffentlichen Orten wie Bahnhöfen oder Flughäfen zur Verfügung gestellt werden, um die Leute dazu zu motivieren, sich gemeinsam zu bewegen.
Interview: Stefan Stöckmann