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Bewegung als Lebensaufgabe

Sportcollege, 01.01.2009


Prof. Dr. Ingo Froböse im Interview


Herr Froböse, stellen Sie sich einmal vor, Sie stehen vor der Wahl: Sofa, Chips und Spielfilm oder Spaziergang an der frischen Luft. Wie überzeugen Sie die Men-schen, sich mehr zu bewegen?

Ingo Froböse: Nun, wir sind ja von Grund auf ein faules Wesen. Sie müssen wis-sen, dass dem Menschen ein Energiesparmodus in die Wiege gelegt worden ist. Dadurch bekommen wir unseren Hintern relativ schlecht hoch. Für viele Menschen bedeutet das, dass sich ihnen das positive Gefühl, das aus sportlicher Aktivität re-sultiert, verschließt. Aktiv sein heißt nicht, unbedingt Hochleistungssport betreiben zu müssen. Mit Bewegung ist vielmehr ein positives Gefühl verbunden. Auf diese weise erhole ich mich beispielsweise aktiv. Durch Sport schlafen Sie also besser, Sie regenerieren sich intensiver. Zudem erlaubt der Sport, emotionale Erlebnisse in der Gruppe zu sammeln. Wo können Sie sonst Fluchen, Brüllen, Schreien oder Weinen? Im Sport ist das völlig normal.


Herr Froböse, in den Medien werden wir mit immer dicker und unbeweglicher wer-denden Menschen, insbesondere Kindern und Jugendlichen, konfrontiert. Wie viele Schritte legen wir denn noch am Tag zurück?

Ingo Froböse: Im Augenblick bewegen wir uns in einer Größenordnung von 450 bis 500 Meter am Tag zurück. Das bedeutet, dass der Durchschnittsbürger etwa 800 bis 1000 Schritte zurücklegt. Das ist nicht viel. Kinder bewegen sich dabei in aller Regel ein bisschen mehr. Insgesamt sind 1000 Schritte aber als Reizsetzung für den menschlichen Organismus viel zu wenig.


Hand auf’s Herz: Wie viele Schritte legen Sie denn durchschnittlich am Tag zu-rück?

Ingo Froböse: Wir gehen davon aus, dass die optimale Reizsetzung des Orga-nismus bei etwa 10.000 Schritten am Tag liegt. Und da ich fünfmal in der Woche etwa zehn Kilometer laufe, sind das rund 10.000 Schritte, die ich mir allein darüber einfahre. Ich schaffe dieses Soll natürlich nicht jeden Tag, aber ich bemühe mich. Auf diese Weise erreiche ich über das Gehen und Joggen eine gesundheitliche Wirkung.


Wenn Sie sagen, dass wir im Durchschnitt nicht einmal mehr 1.000 Schritte am Tag zurücklegen, wo und wann bewegen sich die Menschen dann denn noch?

Ingo Froböse: Wir haben letztlich nur noch sehr kurze Wege zurückzulegen. Die-se beschränken sich in der Regel auf die Wege, die wir in der Wohnung haben o-der auf die kleine Parzelle um Wohnung oder Haus herum. Alle anderen Dinge schaffen wir ja mittels Technik quasi ab. Wir gehen ja nicht einmal zu unserem Bü-ronachbarn hinüber, sondern schreiben ihm eine Email. Im Vergleich zum 19. Jahrhundert haben wir so die Zeit, die wir auf den eigenen Beinen in Bewegung sind, von acht bis zwölf Stunden auf derzeit durchschnittlich zwanzig bis fünfund-zwanzig Minuten im Tagesverlauf reduziert. Das ist natürlich viel zu wenig.


Was treibt Sie dann als Sportwissenschaftler an, die Menschen in Bewegung zu bringen?

Ingo Froböse: Jeder Mensch sollte meines Erachtens eine ganz bestimmte Auf-gabe für sich erschließen. Ich sehe meine Aufgabe, nicht zuletzt als ehemals akti-ver Sportler, darin, den Menschen den Spaß an der Bewegung zu vermitteln. Ich glaube, dass sich viele Menschen selber schaden und durch mangelnde Bewe-gung eine Lücke in ihrem Leben entsteht.


Herr Froböse, im Rahmen dieser „Mission“ setzen Sie sich für den DAK RUN-NINGSTAR ein. Was ist das?

Ingo Froböse: Beim Laufwettbewerb DAK RUNNINGSTAR sollen die Teilnehmer, also Sie und ich, die ganz normalen Menschen eben, schätzen, wie lang sie unge-fähr für eine Strecke von 200 Metern benötigen. Das heißt, dass die Menschen durch den DAK RUNNINGSTAR ein Gefühl für Ihren Körper erfahren. Die Men-schen realisieren auf diese Weise ihre Umwelt und reflektieren ihr eigenes Han-deln. Die Reflexion des eigenen Handelns in Bezug auf die Umwelt ist für uns eine völlig ungewohnte Aufgabe. Diese ungewollte Aufgabe stellte sich unseren Vorfah-ren in der Steinzeit ständig. Unsere Vorfahren musste einschätzen, wie weit sie überhaupt noch laufen konnten, wie viele Kräfte sie noch für den Rückweg von ei-ner Jagd aufbringen konnten. Die eigene körperliche Einschätzung sicherte das Überleben. Heute brauchen wir dieses aktive Körperempfinden nicht mehr, weil wir uns auf externe Apparaturen verlassen, die uns bewegen und transportieren.


Wie schätzen Sie die Wirkung des DAK RUNNINGSTAR auf das Bewegungsver-halten der Teilnehmer ein?

Ingo Froböse: Eines der Grundprobleme ist, dass die Menschen keinen Spiegel haben oder sich ausschließlich davon leiten lassen, was sie in den Medien sehen. Die Eigenrealisation des eigenen Körpers und des eigenen Organismus ist offen-sichtlich ziemlich gestört. Und dementsprechend erreichen Sie eine langfristige, nachhaltige Wirkung ausschließlich über die eigene Wahrnehmung, das Realisie-ren von eigenen Schwächen und Stärken. Und da ist der DAK RUNNINGSTAR extrem wichtig und richtig. Der Laufwettbewerb weist die Menschen erstmalig dar-auf hin, dass es gar nicht wichtig, wie weit du läufst. Guck einfach mal, was du meinst realisieren zu können.


Welche Wirkung hat ein Mehr an Bewegung auf Gesundheit und Wohlbefinden der Teilnehmenden?

Ingo Froböse: Ein Mehr an Bewegung hat vielfältige Vorteile. Alle unsere Organe leben von Bewegung. Bewegung ist lebenswichtig, um die Funktion unserer Zellen, Organe, Nerven und unseres Blutsystems zu erhalten. Darüber hinaus ist Bewe-gung wichtig für die körperliche und geistige Entwicklung sowie für die eigene Lern-fähigkeit. Daran erkennt man, dass die Biologie des Menschen von Reizsetzung lebt und Bewegung ist der einzige Reiz, der alle unsere Systeme des Körpers gleichzeitig herausfordert.


Herr Froböse, wie schätzen Sie denn Ihrer Einschätzung nach die Teilnehmenden in Bezug auf ihr jeweiliges Körpergefühl ein?

Ingo Froböse: Ich glaube, dass die meisten Menschen ihr eigenes Körpergefühl als sehr gut einschätzen. Wenn man beispielsweise auf der Straße Männer zu ih rem gesundheitlichen Zustand befragt, sind 98 Prozent der Männer damit zufrie-den. Wobei sicherlich die Hälfte von ihnen keinen Grund dazu hätte. Die Eigen-wahrnehmung ist also ziemlich dürftig und suboptimal. Nicht umsonst beklagen sich die Menschen über Rückenprobleme oder Haltungsschäden, die alleine dar-aus resultieren, dass wir auf die Warnsignale unseres Körpers überhaupt nicht reagieren.


Herr Froböse, wie schätzen Sie denn Ihr Körpergefühl ein?

Ingo Froböse: Ich war bereits im vergangenen Jahr während des DAK RUN-NINGSTAR 2006 in Düsseldorf auf dem Laufband und hatte damals, glaube ich, ein Minus von dreißig Metern. Ich glaube, ich habe kein schlechtes, aber ein nor-males Körpergefühl.


Kann Jedermann am DAK RUNNINGSTAR teilnehmen?

Ingo Froböse: Ja. Der DAK RUNNINGSTAR ist ja ein sehr niederschwelliges An-gebot. Wer die Herausforderung von 200 Metern nicht für sich durchhalten kann, sollte besser therapeutisch behandelt werden.


Der DAK RUNNINGSTAR kooperiert mit der Aktion der 3.000-Schritte-Spaziergänge. Was bringen Ihrer Meinung nach 3.000 Schritte extra? Bringt das aus sportmedizinischer Sicht etwas?

Ingo Froböse: Ich halte die 3.000-Schritte-Aktion für ausgezeichnet. Weil sie die Menschen in ihrer Lebenswelt anregt, mal darüber nachzudenken, wie viele Schrit-te sie jeden Tag gehen. Und wenn man das noch mit einem Schrittzähler macht, was ja auch vom BMG unterstützt wird, dann sind diese kleinen Dinger ja wie ein Terrorist. Die Schrittzähler zeigen mir, wie wenig ich gegangen bin. Und insofern ist es ein ganz einfaches Kontrollsystem meines eigenen Verhaltens und leitet mich dazu an, erstmalig über mein eigenes Bewegungsverhalten nachzudenken.


Welche Tipps geben Sie den Menschen, mehr Bewegung in den Alltag zu integrie-ren?

Ingo Froböse: Der eigene Alltag bietet unzählige Möglichkeiten, sich zu bewegen Man muss nur die Möglichkeiten nutzen und man muss sein Verhalten einfach re-flektieren. Lassen Sie den Fahrstuhl einfach links liegen. Legen Sie kleine Wege nicht mit dem Auto zurück. Gehen Sie gelegentlich zu Ihrem Büronachbar und ver-zichten Sie auf die Email. Stehen Sie, das ist heute vielfach möglich, beim Telefo-nieren auf. In der Freizeit besteht natürlich die Möglichkeit, Sport zu treiben, einen Spaziergang zu machen oder einfach in den Garten zu gehen. Die Menschen müssen erkennen, dass mangelnde Bewegung auf Dauer sehr schädlich ist. So kämpfen wir heute mit Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter, wie Diabetes beispielsweise, die wir so früher nicht gekannt haben. Besonders die nachhaltige Leistungsfähigkeit lässt nach. Kurzfristig kompensiert der Körper relativ viel. Nur verzeiht er langfristig nichts. Und irgendwann tragen die meisten Menschen eine Zeitbombe in sich. Was wir sehen ist das Spiegelbild dessen, was wir derzeit erle-ben: Bewegungsmangel und Fehlernährung.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

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